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10.10.2018

Handwerk First?

Der beherzten Einladung der Schreinerinnung Amberg zum politischen Werkstattgespräch folgten nicht nur Schreiner gerne, auch viele andere interessierte Kollegen aus der Handwerksbranche kamen Anfang Oktober in Hahnbach beim Gastgeber Karl Standecker zusammen.

Für die Parteien standen Rede und Antwort: Alexandra Sitter (Freie Wähler), Wolfgang Berndt (die Linke), Klaus Mrasek (ÖDP), Jürgen Mistol (Bündnis 90 / Die Grünen), Uwe Bergmann (SPD), Christian Weiß (FDP) und Henner Wasmuth (CSU). Karl Standecker moderierte geschickt durch die Diskussionsrunde. Zur Debatte standen fürs Handwerk hochbrisante Themen, zu denen sich die Parteivertreter äußern konnten - jeder im gleichen Zeitrahmen. Der Hausherr drückte einfach die Klingel und bekräftigte so, dass klare und kurze Stellungnahmen gewünscht waren! Oberpfalz TV drehte einen Beitrag und Vertreter der Zeitungen lauschten gespannt den Gesprächen.

Der Themenblock umfasste Bürokratie (Dokumentationspflicht, Datenschutz), Fachkräftemangel, Lehrlingssituation, Flüchtlinge, Meisterpflicht, Kassenprüfung, Kassennachschau, Betriebsprüfungen und die Stellung des Handwerks in der EU.

Was der Ausdruck "das Handwerk hat goldenen Boden" eigentlich bedeutet, erfuhren wir zu Anfang von Obermeister Richard Siegler. Nämlich sarkastisch, dass den Webern die Sonne in den leeren Brotbeutel schien. Die verarmten Handwerker protestierten, es kam zu einem Klassenkampf und blutigen Aufstand im 19. Jahrhundert. Also nicht, wie immer behauptet wird, dem Handwerk gehe es gut und den Beschäftigten würde es nie an Respekt für ihre Leistungen, Aufträgen und Fachkräften mangeln.

Leider spitzt sich jedoch genau diese Situation immer mehr zu. Es fehlt überall an gut ausgebildeten Leuten, die gerne Verantwortung in den Betrieben übernehmen. Die Industrie winkt mit der besseren Bezahlung. Die Eltern und Schulen streiten um beste Bildungsmöglichkeiten für die Kinder, die dann eher studieren als eine Ausbildung (im Handwerk!) anstrebten. Flüchtlinge, die sich in Betriebe gut integrieren können, droht die Abschiebung. Vom demographischen Wandel mal abgesehen. Alle Vertreter sprachen sich bei den dargestellten Aspekten deutlich für die "deutsche Wertarbeit" aus und hoben hervor, dass der "Meistertitel" wichtig ist und bleiben soll und wollten sich bei ihrer künftigen politischen Arbeit für günstigere Rahmenbedingungen und finanzielle Hilfestellungen einsetzen, auch und gerade für Aus- und Weiterbildungen.

Die Bürokratie, die uns Handwerker im Büro täglich überfordert und massiv Zeit raubt, soll eingedämmt werden, bevor sie uns endgültig lahm legt. Handwerkskammern und Berufsgenossenschaften sollten sich laut den Politikvertretern besser aufstellen - statt Gebühren anzuheben und die Verantwortung auf die Betriebsinhaber abzuschieben, was auch dazu führt, das leider immer mehr aus den Innungen austreten. Für die Handwerker sitzen leider kaum Vertreter (manche davon nur ehrenamtlich) in den politischen Gremien. Diese werden von Wirtschaftsbossen angeführt, die ihre Forderungen mit allen Mitteln durchboxen. Auch hier sehen die Politiker ein, dass sie was fürs Handwerk tun müssen, vor allem, dass es endlich Unterschiede geben muss in allen Belangen für große Konzerne und kleine Betriebe, sonst bleiben zu viele auf der Strecke. Der Dschungel aus immer neuen Gesetzen und Normen blockiert die kreativen Köpfe im Handwerk. Die Industrie schafft Maßnahmenkataloge, um auf dem weltweiten Markt besser bestehen zu können, zum Nachteil der Handwerker, die vor Ort bestehen müssen!

Ausländische Betriebe, für die viel niedrigere Mindestlöhne gelten, drängen aggressiv in den deutschen (auch ländlichen) Arbeitsmarkt. Dies als Antwort auf die Frage: warum macht ihr denn nicht mehr mit bei den Ausschreibungen? Zum Thema Betriebsprüfung gab es einige aufreibenden Erfahrungsberichte. Prüfer von Zoll, Gewerbe- und Finanzamt sind gefürchtet. Einige Teilnehmer meldeten sich zu Wort und bekundeten ihren Unmut, was mit Kopfschütteln der Parteivertreter quittiert wurde. Können hier wirklich mehr Finanzbeamte helfen? Wie führt ein Weg aus den komplizierten Steuermechanismen? Wie schaffen es große Konzerne immense Beträge am Fiskus vorbeizuschleusen, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden und kleine Betriebe werden auf den Cent genau zur Kasse gebeten?

Die Diskussionsrunde wurde von Karl Standecker nach rund zwei Stunden beendet mit dem Wunsch für ein erneutes Treffen - 100 Tage nach der Landtagswahl. Und zwar egal, wie sie ausgeht für die Parteien. Dies wurde sehr begrüßt - von allen Anwesenden!

Um für Verbesserungen in der Zukunft zu sorgen, müssen sich mehr Handwerker Zeit für Gespräche dieser Art nehmen, und zwar spätestens jetzt. Wenn die Regierungen nicht wissen, wo uns der Schuh drückt, können keine positiven Veränderungen in Wirtschaft und Handwerk in Gang gesetzt werden.

Liebe Kollegen - traut euch!

Damit das Handwerk auch in Zukunft stabil und stark bleibt.